Samstag, 6. August 2011

Keine Flaschen weggebracht, habs vergessen (wirklich!). Einkaufen war ich trotzdem, danach im Regen in nen Park gefahren, auf ne Bank gesetzt, gegessen. Yufka, Brezeln, Schokobrötchen. Ne Stunde den Regen auf mich niseln lassen, im Dunklen losgegangen, Rad geschoben. Irgendwann aufgestiegen, gefahren. Kreuzung, Bahnschienen, Nässe, hingeflogen. Hose zerrissen, Blut, Leute die mir helfen wollen und ein absoluter Fluchtreflex meinerseits. Aber immer schön Lächeln: "Danke". Weiterlaufen, weinen unterdrücken, dunkelste Straßen langgehen, nicht gesehen werden, zuhause ankommen, Tür aufschließen, Tür zumachen, Tür abschließen, heulen, heulen, heulen. Es war zu viel. Ich hab immer wieder angefangen, wegen jeder Kleinigkeit, wegen ner Flasche, die ich nicht sofort aufbekommen hab, weil ich mich im Spiegel gesehen hab, wegen allem.

Ich kann nicht mehr.

Nein, ich habe nicht geheult, weil meine Wunden so wehtun.

Kommentare:

  1. Du brauchst echt eine Leidenschaft. Irgendwas, das dich begeistert und stolz macht. Alleine schon an der Art, wie du dich ausdrückst, formulierst und Dinge zumindest erkennst und nicht völlig ausblendest sieht man, dass du keine Versagerin bist. Dieses Neigen zu Extremen ist ein schreckliches Muster und du bist nicht die Einzige. Entweder scheiße oder geil oder völlig kühl, nichts dazwischen. Ich versuche mir immer zu sagen: "Ich brauche keinen Grund, ich darf doch fühlen." Manchmal klappt es ganz gut, weil es diese Spannung entlädt. Buddha meinte ja immer, man soll seine Gefühle "beobachten". Also hab ich mich vorhin auf mein Bett gelegt und meine zu der Zeit frustrierten, widersprüchlichen und zerreißenden Gefühle beoachtet ohne sie zu bewerten und das Resultat: Ich hab gefressen :D Danke Buddha!
    Naja, eigentlich ging's gar nicht darum, aber ich hatte Lust, dir das jetzt zu schreiben, weil du anscheinend auch so eine bist, die sich durchgehend über ihre komplexe Gefühlswelt wundert.
    Ich glaube auch, dass Verhaltenstherapie nichts an dem wirklichen Problem ändert. Ich meine, nur weil z.B. eine Essgestörte normal isst, heißt das nicht, dass sie nicht trotzdem in ihrer Kindheit vernachlässigt wurde und das jetzt kompensieren muss. Nur, weil man sein Verhalten verändert, heißt das nicht, dass man den Wunsch nach Selbsthass und Selbstzerstörung verloren hat. Und wenn er mal kurz weg ist, schlummert er immer noch da drin. Tut mir leid, wenn ich versuche, dich zu analysieren bzw. deine Texte besser zu verstehen, ist mal wieder höchst interessant für mich. Und klingt vielleicht bescheuert, aber ich denke mir "Naja, dann bist du wenigstens nicht die Einzige, die grundlos heult."

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  2. Nein, ich find's toll, dass du so viel schreibst, erstens mache ich das ja auch, zweitens sind viele hier nur daran interessiert darüber zu schreiben, wie scheiße ihr Leben ist und was sie so gefuttert haben. Du hast wenigstens mal was Geistreiches zu erzählen!
    Essstörungen sind scheiß chronisch und das nervt. Man kann mal eben eine Phase haben, in der sie abgeschwächt ist, in der man nicht das Fressen-Hungern praktiziert. Aber man kann sich ja doch nie sicher sein, ob es nicht wiederkommt. Klingt vielleicht blöd, aber ich habe in der Zeit, als ich normal gegessen habe, nur darauf GEWARTET, einen Grund zum Hunger zu finden. Und dann yaaay, endlich ein heftiger Streit mit meiner Stiefmutter, jetzt muss ich mich mal endlich wieder hassen und nicht mehr essen! joa, wenn man grad keine Probleme hat, sucht man sich halt welche. Man hat ja sonst nichts zu tun.
    Über Religion und Glauben denke ich echt oft nach... Ich denke, das ist auch der einzige Grund, weshalb sie bestehen und so viele Anhänger haben. Der Mensch braucht etwas, an das er sich orientieren kann und das ihm die Richtung weist. Und wenn es nicht ein Gott ist, dann eben eine fiktive "Ana", die ihm per Waage oder Essensmenge sagt, wie viel er wert ist.
    Ich bin mir nicht ganz sicher, meine Therapeutin hat mich stundenlang über Kindheit und Vergangenheit reden lassen, dann durfte ich Bilder beschreiben, komische Steine positionieren und Lückentexte ausfüllen.

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  3. (sorry, Text war zu lang, hier Part2 ^^)
    Jetzt muss ich immer noch reden wie so eine Bekloppte (ist erst die 4. Sitzung gewesen) und danach wird sie mir Strategien sagen, wie ich mein Ess- und Allgemeinverhalten ändern kann. Das Ding ist nur, dass ich ihr erzähle, ich würde im Moment mein Gewicht halten, nie kotzen und ansonsten immer dieselbe Menge essen. Ich glaub, teilweise nimmt die mich auch gar nicht ernst, sondern ich bin für sie eines dieser "Die Eltern sorgen sich, deswegen schicken sie ihr Kind in Therapie"-Patientinnen. Ist ja auch klar, wenn ich ihr nicht sage, was wirklich bei mir abgeht. Aber würde ich es sagen, würde sie mich womöglich beschwichtigen und was weiß ich was tun, um mich da rauszuholen. Und ich bin ehrlich gesagt einfach noch nicht bereit, mit dem Abnehmen aufzuhören. Und solange da noch kein kritisches Gewicht ist, kann mich auch keiner stoppen :D
    Deswegen weiß ich nicht, was das für eine Therapie ist... auf jeden Fall keine Verhaltenstherapie, weil es sehr sehr viel um meine Kindheit und Unterbewusstsein (Bildchen, Traumtagebuch etc.) geht.
    Ich bin eigentlich ein ganz glücklicher Mensch, würde ich sagen. Mein Vater meint, ich bin eine Überlebenskünstlerin, die sich aus jeder Scheiße rausretten kann, wenn sie will. Ich hab selbstständig damit aufgehört, mich zu schneiden (und es war wirklich kritisch), bin aus der ganzen Familienhölle bei meiner Mum rausgekommen, hab Schulprobleme gelöst und war zeitweise auch ziemlich depressiv und antriebslos. Das nimmt mir auch irgendwie den Respekt vor der ES. Ich denk mir "Yo, irgendwann kommst du eh raus, egal wie heftig es noch ausartet. Hast es ja immer geschafft."
    Mit dem Heulen hab ich's in letzter Zeit eher so, dass ich die ganze Woche überhaupt nicht weine und mir richtig gefühlskalt vorkomme, weil mein Körper wahrscheinlich vor Unterzuckerung alle Emotionen runterfährt. Sobald ich dann fresse, kommt alles raus und ich heule wie so eine Bescheuerte alles Angestaute wieder raus. Ich denk, das ist ein großer Unterschied zu dir. Du isst ja gerade, um Gefühle zu unterdrücken, bei mir kommen sie deswegen erst hoch. Naja... und sobald sie dann hochgekommen sind (und das ist der Fall, wenn ich schon leicht überfüllt bin), ersticke ich sie, indem ich fresse, bis ich im 6. Monat schwanger durch die Gegend laufe. Kennst du das? Man gewöhnt seinen Körper ne zeitlang an kleine Nahrungsmengen und verträgt dann einfach gar nichts mehr... früher hätte ich mich darüber gefreut, jetzt bringt das auch nichts mehr, wenn ich fresse, fresse ich nunmal, da kann mein Bauch noch so wehtun, ich mache weiter.
    Ich finde es unfair, dass ich an andere so gut wie keine Erwartungen habe, wenn es um das Äußerliche geht (außer Gepflegtheit und sowas), aber ich selbst muss perfekt sein. Das heißt ja irgendwie, dass ich mich selbst weniger lieb habe, als alle Menschen um mich herum, oder nicht?

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